In einem Londoner Varieté tritt ein dressierter Menschenaffe namens Ajax auf. Ein Zehnjähriger schleicht sich in die Vorstellung, und der Affe erkennt ihn. Ajax ist Akut, der Gefährte aus Band 3, und der Junge ist Jack Clayton, der Sohn von Tarzan und Jane. Mit dieser Szene beginnt der vierte Roman der Reihe, und er beginnt damit auch das Wagnis, die eigene Erfolgsgeschichte noch einmal zu erzählen, diesmal mit einem anderen Helden.
„The Son of Tarzan“ lief vom 4. Dezember 1915 bis zum 8. Januar 1916 als sechsteilige Serie in *All-Story Weekly*. Die Buchausgabe erschien im März 1917 bei A. C. McClurg & Co. in Chicago, mit Illustrationen von J. Allen St. John. Mit 27 Kapiteln und rund 97.000 Wörtern ist er der umfangreichste der frühen Bände. Der deutsche Titel lautet „Tarzans Sohn“.
Die Handlung in Kürze
Alexis Paulvitch hat den Dschungel überlebt, entstellt und verbittert. Er bringt Akut als Schaustück nach England. Jack freundet sich heimlich mit dem Affen an; als Paulvitch den Jungen töten will, tötet Akut ihn. Jack flieht mit dem Affen nach Afrika, weil er sonst als Mörder gilt.
Dort lernt er, was sein Vater eine Generation früher gelernt hat, und bekommt von den Affen den Namen Korak, den Töter. Er befreit ein Mädchen namens Meriem aus der Gewalt eines Scheichs, der sie schlägt. Die beiden leben jahrelang gemeinsam im Wald. Später gerät Meriem in die Hände schwedischer Händler, dann auf die Farm eines Engländers, den alle nur „Bwana“ nennen. Dass dieser Mann Tarzan ist und die Hausherrin Jane, erfährt der Leser lange vor den Figuren.
Der Roman führt die Fäden über Umwege zusammen: eine misslungene Entführung durch den Lebemann Morison Baynes, ein Überfall des Häuptlings Kovudoo, eine Gefangenschaft. Am Ende erkennt der französische General Armand Jacot in Meriem seine als Siebenjährige verschleppte Tochter Jeanne.

Vater und Sohn im Vergleich
Der Reiz des Bandes liegt darin, wie genau Burroughs die Vorlage variiert. Die Parallelen sind gewollt, die Abweichungen ebenfalls.
| Tarzan in Band 1 | Korak in Band 4 | |
|---|---|---|
| Ausgangslage | Waise, kennt nichts anderes | Kind eines Lords, geht freiwillig |
| Lehrmeister | Die Affenfrau Kala | Der Affe Akut |
| Sprache | Lernt Lesen aus Büchern, spricht spät | Beherrscht Englisch von Anfang an |
| Name | Tarzan, „weiße Haut“ | Korak, „der Töter“ |
| Bindung | Jane, eine Amerikanerin aus der Stadt | Meriem, im Wald aufgewachsen |
| Rückkehr | Verzichtet zunächst auf Titel und Erbe | Kehrt mit Meriem nach England zurück |
Zwei Unterschiede sind erzählerisch wichtig. Erstens ist Korak kein Naturzustand, sondern eine Entscheidung: Er wählt den Dschungel, statt in ihn hineingeboren zu werden. Zweitens bekommt Meriem beinahe so viel Raum wie er. Sie ist die einzige weibliche Hauptfigur der frühen Reihe, die eigenständig handelt, jagt und kämpft, statt gerettet zu werden.
Wo der Band in der Reihenfolge steht
Die Handlung setzt rund zehn Jahre nach dem Ende von Band 3 ein und erklärt nebenbei, wie es Paulvitch ergangen ist. Wer die Vorgeschichte kennt, hat mehr davon.

| Band | Originaltitel und Jahr | Deutscher Titel |
|---|---|---|
| 1 | Tarzan of the Apes, 1912 | Tarzan bei den Affen |
| 2 | The Return of Tarzan, 1913 | Tarzans Rückkehr |
| 3 | The Beasts of Tarzan, 1914 | Tarzans Tiere |
| 4 | The Son of Tarzan, 1915/16 | Tarzans Sohn |
| 5 | Tarzan and the Jewels of Opar, 1916 | Tarzans Schatz von Opar |
| 6 | Jungle Tales of Tarzan, 1916/17 | Tarzans Dschungelgeschichten |
| 7 | Tarzan the Untamed, 1919/20 | Tarzans Rache |
Den Auftakt stellen wir unter Tarzan bei den Affen vor, den unmittelbaren Vorgänger unter The Beasts of Tarzan. Danach nimmt die Reihe den Vater wieder in den Mittelpunkt: Tarzan and the Jewels of Opar führt zurück in die Ruinenstadt aus Band 2. Korak selbst kehrt danach nur noch selten zurück, etwa in Band 9, „Tarzan and the Golden Lion“, auf Deutsch „Tarzan und der goldene Löwe“. Neben Tarzan schrieb Burroughs die Mars-Romane um John Carter und die Bücher um die Hohlwelt Pellucidar; beide Reihen spielen in erfundenen Ländern und folgen demselben Erzählmuster.
1920 entstand aus dem Stoff ein fünfzehnteiliger Stummfilm-Serial. Es ist die einzige Verfilmung, die Korak und Meriem in den Mittelpunkt stellt.

Was heute unangenehm auffällt
Der Roman arbeitet durchgehend mit ethnischen Zuschreibungen, und er tut es unverblümt.
- Meriem gilt als „arabischer Findling“, solange ihre Herkunft unklar ist, und wird entsprechend behandelt. Erst der letzte Satz des Buches setzt sie in den Rang, den die Erzählung offenbar für nötig hält: Sie sei eine Prinzessin aus eigenem Recht.
- Der Scheich, die schwedischen Händler Malbihn und Jenssen und der Häuptling Kovudoo sind Gegner nach Schema. Motive bekommt keiner von ihnen.
- Afrikanische Figuren treten fast ausschließlich als Träger, Krieger oder Bedrohung auf. Die einzige Ausnahme bleibt kurz.
Wer den Roman heute liest, liest also eine erstaunlich moderne Abenteuerheldin und zugleich ein Buch, das ihren Wert am Ende über Abstammung und Adelstitel absichert. Beides gehört zusammen und lässt sich nicht sauber trennen.
Deutsche Ausgaben und Übersetzungen
Die deutsche Erstausgabe erschien 1924 bei Dieck & Co. in Stuttgart als „Tarzans Sohn“, übersetzt von Walter Saxe, mit einem Umschlagbild von Willy Planck. Der Pegasus Verlag in Wetzlar brachte den Band 1951 in der Übersetzung von Tony Kellen heraus. Ab 1994 legte der Kranichborn Verlag in Leipzig eine Neuausgabe vor, übersetzt von Ruprecht Willnow nach der ungekürzten amerikanischen Fassung.
Worauf Sie beim Kauf achten sollten:
- Prüfen Sie die Kapitelzahl. Das Original hat 27 Kapitel; ältere Jugendausgaben sind teils deutlich gestrafft.
- Die Namen schwanken zwischen den Ausgaben, vor allem bei Korak und Meriem.
- Antiquarische Bände aus den 1920er und 1950er Jahren geben die abwertende Wortwahl des Originals unverändert wieder.
Der englische Text ist gemeinfrei und vollständig kostenlos zugänglich: Volltext im Project Gutenberg. Was Gemeinfreiheit bedeutet, erklärt unsere Übersicht zur Gemeinfreiheit.
Lohnt sich der Band?
Ja, aber nicht als Einstieg. Wer die ersten drei Bände kennt, bekommt hier den am besten gebauten Roman der frühen Reihe: zwei Handlungsstränge, die sich über 27 Kapitel aufeinander zubewegen, und mit Meriem eine Figur, die man sich merkt. Wer nur Tarzan selbst sehen will, wird enttäuscht sein, denn der taucht erst spät und unter falschem Namen auf.
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