„All Lustadt was in an uproar. The mad king had escaped.“ Mit diesen beiden Sätzen beginnt der Roman, und er hält, was sie versprechen. Zehn Jahre lang hat niemand in dem kleinen Königreich Lutha seinen Herrscher gesehen. Nun ist er aus der Burg Blentz entkommen, und ein junger Amerikaner, der zufällig durch das Land reist, sieht ihm zum Verwechseln ähnlich.
„The Mad King“ ist der Beitrag von Edgar Rice Burroughs zu einem Genre, das um 1900 halb Europa und ganz Amerika beschäftigte: der Ruritanian Romance, dem Abenteuerroman im erfundenen mitteleuropäischen Kleinstaat.
Ein Genre mit festen Regeln
Den Bauplan lieferte Anthony Hope 1894 mit „The Prisoner of Zenda“. Ein Reisender aus dem Westen kommt in ein Königreich, das es nicht gibt, gleicht dem dortigen Monarchen aufs Haar und muss dessen Rolle übernehmen, während der echte König verschwunden ist. Burroughs übernimmt dieses Gerüst und dreht an zwei Stellschrauben.
| The Prisoner of Zenda (1894) | The Mad King (1914/1915) | |
|---|---|---|
| Held | englischer Gentleman | Farmerssohn aus Beatrice, Nebraska |
| Verwandtschaft | entfernte Ähnlichkeit ohne Wissen | tatsächlich verwandt über die Mutter |
| Ausgang | Verzicht, der Held reist ab | der Held bleibt und wird König |
| Zeitrahmen | zeitlose Operettenmonarchie | Vorabend und Beginn des Ersten Weltkriegs |
Die zweite Änderung ist die wichtigere. Während Hope sein Ruritanien außerhalb der Geschichte ansiedelt, schiebt Burroughs sein Lutha mitten in die Landkarte von 1914, zwischen Österreich und Serbien. Damit läuft der zweite Teil des Buches unmittelbar in den Krieg hinein.
Wer Barney Custer ist
Der Held heißt Barney Custer und stammt aus Beatrice in Nebraska. Sein Vater ist amerikanischer Farmer, seine Mutter eine luthanische Prinzessin, die als junge Frau davongelaufen ist. Von seiner Verwandtschaft mit dem regierenden Haus weiß Barney nichts, als er kurz vor Kriegsausbruch nach Europa fährt, um sich die Heimat seiner Mutter anzusehen.
Was ihn dort erwartet:
- Ein durchgegangenes Pferd, das die Handlung im ersten Kapitel in Gang setzt.
- Ein junger Mann, der behauptet, der entflohene König Leopold zu sein.
- Peter von Blentz, der Onkel des Königs, der seit zehn Jahren als Regent herrscht und den Neffen unter dem Vorwand einer Geisteskrankheit auf seiner Burg festhielt.
- Emma von der Tann, Tochter des mächtigsten Adligen im Land und dem König seit ihrer Kindheit versprochen.
- Leutnant Butzow, der einzige Offizier, der zu Barney hält, und Hauptmann Maenck, der Handlanger des Regenten.

Der Satz, mit dem zehn Jahre begründet wurden
Wie Burroughs seinen Bösewicht anlegt, zeigt schon das zweite Kapitel des Buches. Als der alte König stirbt, lässt sein Bruder Peter von Blentz den zehnjährigen Thronfolger auf die Burg bringen und erklärt dem Land, der Junge sei krank. Zum Regenten ernennt er sich selbst:
There had been murmurings then when the lad’s uncle, Peter of Blentz, had announced to the people of Lutha the sudden mental affliction which had fallen upon his nephew, and more murmurings for a time after the announcement that Peter of Blentz had been appointed Regent during the lifetime of the young King Leopold, „or until God, in His infinite mercy, shall see fit to restore to us in full mental vigor our beloved monarch.“
Der fromme Nachsatz ist der ganze Trick. Solange niemand den König sieht, kann niemand widersprechen, und die Steuern verdoppeln sich unter der Regentschaft, ohne dass jemand die Verantwortung trägt. Damit ist auch erklärt, warum Barney so leicht für Leopold gehalten wird: Nach zehn Jahren kennt kaum ein Untertan das Gesicht seines Herrschers.
Zwei Hefte, zwei Bücher, ein Band
Der Roman ist in zwei Etappen entstanden, und das merkt man ihm an. Burroughs schrieb den ersten Teil im Oktober und November 1913. Er erschien am 21. März 1914 in „All-Story Weekly“, damals noch ohne Aussicht auf eine Fortsetzung. Den zweiten Teil begann er im September 1914, nach Kriegsausbruch. Er lief unter dem eigenen Titel „Barney Custer of Beatrice“ am 7., 14. und 21. August 1915 in derselben Zeitschrift.
Erst A. C. McClurg fasste beide Teile zusammen. Der Band erschien am 18. September 1926 in Chicago, 365 Seiten stark, in einer ersten Auflage von 5.000 Exemplaren; Schutzumschlag und Frontispiz stammen von J. Allen St. John, dem wichtigsten Burroughs-Illustrator seiner Zeit. Zusammen kommen die beiden Hälften auf rund 93.000 Wörter, mit zwölf Kapiteln im ersten und sechzehn im zweiten Teil.
Der Unterschied zwischen den Hälften ist der Krieg:
| Teil I (1914) | Teil II (1915) | |
|---|---|---|
| Konflikt | Thronraub im Inneren | Einmarsch von außen |
| Gegner | Peter von Blentz | österreichische Truppen |
| Grundton | Verwechslungsstück mit Degen | Kriegsroman mit Erschießungskommando |
| Schluss | Barney verlässt Lutha | Barney bleibt als König |

Was in Teil eins geschieht
Barney trifft auf den Flüchtigen, hält ihn für den König und hilft ihm. Kurz darauf hält ihn selbst halb Lutha für Leopold, denn außer den Leuten aus Blentz kennt niemand mehr das Gesicht des Monarchen. Aus dem Missverständnis wird eine Rolle: Um zu verhindern, dass Peter von Blentz sich die Krone nimmt, tritt Barney an die Stelle des echten Königs, führt dessen Truppen und lässt sich krönen.
Das Problem ist Emma von der Tann. Sie verliebt sich in den Mann, den sie für den König hält. Als der echte Leopold zurückkehrt, bekommt er mit dem Thron auch die Erkenntnis, dass die Frau, die ihm versprochen ist, einen anderen meint. Er begnadigt seinen Doppelgänger, aber nur unter einer Bedingung: Barney verlässt das Land.
Was in Teil zwei geschieht
Ein Jahr später ist Europa im Krieg. Barney reist zurück, um Emma aus Lutha herauszuholen. Statt einer Rettungsaktion wird eine Staatskrise daraus. Der echte Leopold hat sich mit Österreich eingelassen und verrät sein eigenes Land; Barney wird als angeblicher König festgenommen und steht vor einem Erschießungskommando. Am Ende schließt er ein Bündnis mit Serbien und schlägt die Österreicher zurück.
Die Auflösung des Doppelgängermotivs kommt in diesem Teil auf brutale Weise: Leopold wird für Barney gehalten und getötet. Der Amerikaner bleibt als König in Lutha und heiratet Emma. Wer den Ausgang von „The Prisoner of Zenda“ kennt, sieht hier die eigentliche Abweichung. Bei Hope siegt die Pflicht, bei Burroughs siegt der Amerikaner.
Wo der Band im Werk steht
Barney Custer taucht nicht nur hier auf. Seine Schwester Victoria ist die Heldin von „The Eternal Lover“, das am 7. März 1914 erschien, zwei Wochen vor dem ersten Teil dieses Romans. Die Fortsetzung „Sweetheart Primeval“ lief von Januar bis Februar 1915. Burroughs veröffentlichte die vier Custer-Erzählungen also im Wechsel; in „The Eternal Lover“ tritt außerdem Tarzan auf.
In dieselben Jahre fallen auch die Chicagoer Milieustudie The Mucker und die Kriminalgroteske The Oakdale Affair. Zusammen zeigen diese Bücher einen Autor, der nach dem Erfolg von Tarzan systematisch andere Genres durchprobierte.

Ausgaben, Übersetzung und Lesehinweise
Eine etablierte deutsche Übersetzung gibt es nicht. Im Handel taucht der Titel als „Der verrückte König“ auf, allerdings aus dem Umfeld moderner Nachdruckverlage ohne erkennbare Übersetzertradition. Ältere fremdsprachige Ausgaben existieren durchaus: Hachette brachte 1937 in Paris eine französische Fassung heraus, und in London lief der Stoff 1922 als elfteiliger Fortsetzungsroman unter dem Titel „The King and the Woman“.
Vor dem Lesen sollten Sie wissen:
- Der englische Text ist einfach gehalten, die Kapitel sind kurz, und beide Teile lassen sich unabhängig voneinander lesen.
- Wer nur den ersten Teil liest, bekommt eine abgeschlossene Geschichte, aber nicht Barneys Ende.
- Die politische Landkarte des Buches ist erfunden. Lutha hat kein reales Vorbild, auch wenn die Lage zwischen Österreich und Serbien eindeutig auf den Balkan von 1914 zielt.
- Das Frauenbild und der Umgang mit nationalen Zuschreibungen entsprechen dem Jahr 1914 und wirken heute steif.
Der englische Text ist gemeinfrei und vollständig verfügbar: Volltext im Project Gutenberg. Was Gemeinfreiheit bedeutet, erklärt unsere Seite zur Lizenz des Project Gutenberg; weitere vorgestellte Titel finden Sie in der Digitalen Bibliothek.
